Pressemitteilung vom 28. September 2026

Schönheiten im Rampenlicht

Eine Studie zeigt, welche Schmetterlinge als besonders attraktiv gelten – und welche Folgen das für ihre Erforschung und ihren Schutz hat

Große und dekorative Schmetterlinge ziehen deutlich mehr Interesse auf sich als ihre weniger spektakulären Verwandten: Nicht nur Laien schenken ihnen mehr Aufmerksamkeit, sie stehen auch häufiger im Zentrum von wissenschaftlichen Untersuchungen und Naturschutzbemühungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie, an der auch Wissenschaftler:innen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) beteiligt waren. Auf den Roten Listen der bedrohten Arten sind dagegen mehr unscheinbare als schöne Falter aufgeführt. Dieses Ungleichgewicht und seine Folgen müsse man im Naturschutz stärker berücksichtigen, betont das Forschungsteam im Fachjournal Current Biology.

<p>Der Species Beauty Index (SBI) europäischer Schmetterlinge. A (links) zeigt typische Vertreter auf dem phylogenetischen Stammbaum europäischer Schmetterlinge. Rote Farben stehen für höhere SBI-Werte, blaue Farben für niedrigere Werte. B (rechts) zeigt Arten aus verschiedenen Familien, die zu den Arten mit dem höchsten und dem niedrigsten SBI-Wert gehören. </p> Foto: Leonardo Dapporto / Current Biology

Der Species Beauty Index (SBI) europäischer Schmetterlinge. A (links) zeigt typische Vertreter auf dem phylogenetischen Stammbaum europäischer Schmetterlinge. Rote Farben stehen für höhere SBI-Werte, blaue Farben für niedrigere Werte. B (rechts) zeigt Arten aus verschiedenen Familien, die zu den Arten mit dem höchsten und dem niedrigsten SBI-Wert gehören. 


Foto: Leonardo Dapporto / Current Biology

Ein großer, blass-gelber Falter, der sich mit einem auffälligen Muster schmückt und dessen Hinterflügel in dekorativen Zipfeln enden: Der Schwalbenschwanz gilt seit jeher als besonders attraktiver Schmetterling. Entsprechend gut hat er auch bei der aktuellen Online-Befragung abgeschnitten, die ein internationales Team um Prof. Dr. Leonardo Dapporto und Mariagrazia Portera von der Universität Florenz durchgeführt hat. Mehr als 21.000 Menschen aus mehr als hundert Ländern haben sich für die Studie Fotos von europäischen Schmetterlingen angesehen, deren Schönheit sie spontan auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten sollten.

"So konnten wir eine ganze Reihe von Merkmalen identifizieren, die Menschen an Schmetterlingen schätzen", erklärt Dr. Elisabeth Kühn vom UFZ, die diese Befragung für Deutschland koordiniert hat. Flatternde Schönheiten schmücken sich demnach mit leuchtenden Farben, Favoriten sind vor allem Gelb und Blau. Ihre Muster sind kontrastreich, die Flügel groß und gezackt oder mit Anhängseln versehen wie beim Schwalbenschwanz. Die vielen kleinen und unscheinbar bräunlich gefärbten Arten können dagegen keinen Schönheitspreis gewinnen und werden tendenziell häufiger übersehen. "Diese Einschätzung teilten die allermeisten Befragten", sagt Elisabeth Kühn. „Dabei spielte es keine Rolle, ob sie sich mit Schmetterlingen auskannten oder nicht.“ Aus den Beurteilungen ließ sich für jede der knapp 500 untersuchten europäischen Arten ein "Schönheitsindex" berechnen: Je höher dieser Wert lag, umso besser kam das Aussehen des jeweiligen Kandidaten an.

Welche Konsequenzen aber hat die unterschiedliche Attraktivität? Um das herauszufinden, hat das Team zunächst analysiert, wie viel öffentliche Aufmerksamkeit die einzelnen Arten auf sich ziehen: Wie häufig haben Menschen Bilder davon auf den Online-Plattformen Flickr und iNaturalist hochgeladen? Wie viele Wikipedia-Einträge gibt es dazu und wie oft werden diese gelesen? Der Trend ist klar: Die Schönen liegen in all diesen Kategorien vor den Unscheinbaren. "Für die öffentliche Wahrnehmung hatten wir das auch so erwartet", sagt Elisabeth Kühn. "Überrascht hat uns allerdings, dass sich das gleiche Phänomen auch bei wissenschaftlichen Untersuchungen zeigt." Sowohl die Zahl der veröffentlichten Gen-Sequenzen als auch die der publizierten Studien liegt für die attraktiven Falter deutlich höher.

Sogar in der europäischen Naturschutzgesetzgebung finden die weniger attraktiven Schmetterlinge keine wirkliche Gerechtigkeit, zeigen die statistischen Analysen des Forschungsteams. So hat der Europarat 1979 einen internationalen Vertrag verabschiedet, der den Schutz von wildlebenden Pflanzen und Tieren sowie von Lebensräumen regelt. Diese "Berner Konvention" enthält umfangreiche Listen von Tieren und Pflanzen, die mehr oder weniger streng geschützt sind. Auch dort aber sind die Schmetterlinge mit hohem Schönheitsindex überrepräsentiert.

Diese Verzerrung zieht sich auch bis in eine der zentralen Naturschutz-Rechtsgrundlagen der Europäischen Union hinein: Die Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie von 1992. Da diese auf der Berner Konvention basiert, hat sie auch deren Bevorzugung von attraktiven Arten übernommen. Und das hat weitreichende Konsequenzen. Denn die FFH-Richtlinie regelt, wo sich Gelder und Managementmaßnahmen des europäischen Naturschutzes konzentrieren. So fördert die EU im Rahmen ihres LIFE-Programms für die Umwelt auch Projekte zur Unterstützung von bedrohten Tieren und Pflanzen – und zwar vor allem von FFH-Arten. Auch hier sind die attraktiven Schmetterlinge also im Vorteil.

Auf den nationalen und europäischen Roten Listen der Jahre 2010 und 2025 tauchen diese dagegen nicht häufiger auf als andere Falter. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Kataloge der bedrohten Arten nach festen Kriterien erstellt werden. "Entscheidend ist, wie häufig eine Art ist oder ggf. wie stark sie zurückgeht", erklärt Elisabeth Kühn. Hübsches Aussehen und Charisma spielen da keine Rolle.

Laut den Listen des Jahres 2025 geht es den unattraktiveren Schmetterlingen sogar tendenziell schlechter als den schönen. "Es gibt zum Beispiel in den Alpen viele unscheinbare braune Arten, die durch den Klimawandel stark bedroht sind", sagt Elisabeth Kühn. Schmetterlinge wie der kälteliebende Gletscherfalter fliehen vor den steigenden Temperaturen in immer höhere Lagen – bis sie nicht mehr weiter ausweichen können. „Solche Arten müssten im europäischen Naturschutz besser berücksichtigt werden, schließlich erfüllen sie ja genauso wichtige Funktionen in den Ökosystemen“, erklärt die Forscherin. Der Klimawandel als Gefährdungsfaktor spiele heute eine viel wichtigere Rolle als beim Erstellen der FFH-Liste im Jahr 1992. Mehr als die Hälfte der als gefährdet eingestuften Schmetterlingsarten hat inzwischen mit den steigenden Temperaturen zu kämpfen. Und das sind nicht in erster Linie die flatternden Schönheiten.

Trotzdem hält es die Biologin durchaus für sinnvoll, attraktive und charismatische Arten als Flaggschiffe für Naturschutzvorhaben einzusetzen. "Man bekommt dadurch einfach viel mehr Aufmerksamkeit und hat bessere Chancen, Lebensräume zu erhalten", sagt sie. Und davon profitieren dann alle Bewohner, schön oder nicht. „Wichtig ist allerdings, dass wir auch über die unscheinbaren Arten möglichst viele Informationen sammeln, betont Elisabeth Kühn. Denn nur auf der Basis von Daten zu so viel wie möglichen Arten könne man entscheiden, welche Arten Schutz brauchen.

Daher hat das UFZ zusammen mit dem Verein "Gesellschaft für Schmetterlingsschutz – GfS" schon vor mehr als 20 Jahren das Tagfalter-Monitoring Deutschland (TMD) ins Leben gerufen. In diesem Rahmen sind jedes Jahr von April bis Ende September Hunderte von engagierten Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschland unterwegs, um Schmetterlinge zu beobachten, die Arten zu bestimmen und sie zu zählen. Woche für Woche gehen sie eine festgelegte Strecke von bis zu einem Kilometer Länge ab und notieren nach einem festgelegten Verfahren die tagaktiven Falter, die ihnen unterwegs begegnen. "Wir merken natürlich auch, dass die Leute manche Arten schöner finden als andere", sagt Elisabeth Kühn, die das TMD am UFZ koordiniert. So laden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des TMD mehr Fotos von besonders attraktiven Faltern hoch. Erfasst werden aber alle Arten – auch die unscheinbaren, braunen.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=6XVaDaf_lOM

Publikation:
Leonardo Dapporto et al.: Beauty bias in butterfly research and conservation; Current Biology, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.07.049

 


Weitere Informationen

Dr. Elisabeth Kühn
UFZ-Department Naturschutzforschung
elisabeth.kuehn@ufz.de

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 6025-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt und erarbeiten Lösungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, Ökosystemen der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg circa 1.100 Mitarbeitende. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

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Die Helmholtz-Gemeinschaft identifiziert und bearbeitet große und vor allem drängende Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, langfristige Forschungsziele von Staat und Gesellschaft zu erreichen. Damit sollen die Lebensgrundlagen der Menschen erhalten und sogar verbessert werden. Helmholtz besteht aus 19 naturwissenschaftlich-technologischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren.

www.helmholtz.de
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