Nachruf vom 12. Oktober 2026

Mitten aus dem Leben gerissen – Wir trauern um unseren Kollegen und Freund Josef Settele

Prof. Dr. Josef Settele war Agrarökologe von Beruf, Biodiversitäts- und Insektenforscher aus Leidenschaft, Wissenschaftskommunikator aus Überzeugung und Sorge um die biologische Vielfalt und ein großer Menschenfreund. Am 9. Oktober 2026 ist er im Alter von 65 Jahren plötzlich und unerwartet gestorben. Unser tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Familie.

<p>Prof. Dr. Josef Settele</p> Foto: ©André Künzelmann UFZ / KI-bearb.

Prof. Dr. Josef Settele


Foto: ©André Künzelmann UFZ / KI-bearb.

Am 9. Oktober 2026 starb plötzlich und unerwartet Josef Settele. Wir verlieren mit ihm einen Kollegen, der wegen seiner beeindruckenden fachlichen Kompetenz und seines beruflichen Engagements bei seinen Kolleginnen und Kollegen im UFZ, in Wissenschaft und Politik auf nationaler und internationaler Bühne, bei Vereinen und Verbänden und Journalistinnen und Journalisten hohes Ansehen genoss.

Josef Settele war ein national und international renommierter Biodiversitätsforscher mit exzellenter Expertise in den Bereichen "Schutz und evolutionäre Biologie von Insekten" sowie "Biodiversität, Klimawandel und Landnutzung". Er leitete das UFZ-Department Naturschutzforschung, war außerplanmäßiger Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, außerordentlicher Professor an der Universität der Philippinen, Ehrenprofessor der Babe?-Bolyai-Universität Cluj-Napoca (Rumänien) und Mitglied des Deutschen Zentrums für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig. Seit 2020 war er Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung (SRU), seit 2020 Mitglied des Senatsausschusses Wettbewerb der Leibniz-Gemeinschaft, seit 2022 Mitglied der Fokusgruppe Biodiversität – Landnutzung – Klima der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sowie im Multidisciplinary Expert Panel des Weltbiodiversitätsrats IPBES und seit 2024 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Natürlicher Klimaschutz (WBNK) der deutschen Bundesregierung. Seit 2014 zählte Josef Settele im jährlichen Ranking "Highly Cited Researchers" zu den weltweit einflussreichsten Wissenschaftlern in seinem Fachgebiet. Neben seinen unzähligen wissenschaftlichen Publikationen hat er zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher verfasst oder mitverfasst, darunter mehrere Auflagen des Schmetterlingsführers "Die Tagfalter Deutschlands", "Die Triple Krise" (2020) und "Keine Zeit für Pessimismus" (2025).

Seine wissenschaftliche Laufbahn begann Josef Settele an der Universität Hohenheim, wo er 1982-1988 Agrarbiologie studierte und 1992 zu den Auswirkungen der Intensivierung des Reisanbaus auf Arthropoden philippinischer Reisterrassen promovierte. Im Jahr 1993 kam er als Wissenschaftler an das neu gegründete UFZ nach Leipzig, wo er sich 1997 habilitierte und Erfahrungen mit der Co-Koordination großer Verbundprojekte (FIFB, MOSAIK) sammelte.

2002 bekam er mit dem Projekt MACMAN (Maculinea Butterflies of the Habitats Directive and European Red List as Indicators and Tools for Habitat Conservation and Management) die Chance, sein erstes großes EU-Projekt selbst zu leiten. Bereits in diesem Projekt zeigte sich, wie gut es ihm gelang, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fast 20 Ländern gut unter einen Hut zu bringen. Mit ALARM folgte 2004-2009 das bis dato größte EU-Projekt zur terrestrischen Biodiversitätsforschung mit 67 Partnern aus 35 Ländern, in dessen Fokus potenzielle Risiken für die biologische Vielfalt wie der Klimawandel, der Verlust an Bestäubern, Umweltschadstoffe sowie die Invasion gebietsfremder Tier- und Pflanzenarten standen. Aus diesem Projekt erwuchsen über 1.000 wissenschaftliche Publikationen – davon über 15 in den Fachjournalen Nature und Science. Weitere namhafte Folgeprojekte waren das BMFTR-Projekt LEGATO (2011-2016), in dem untersucht wurde, wie sich traditionelle Kulturlandschaften in Südostasien verändern und das Wissen der Bevölkerung für eine nachhaltige Landnutzung eingesetzt werden kann, oder das Projekt STACCATO (2015-2020), in dem es um nachhaltige Landwirtschaft ging.

Die im Laufe dieser Zeit erworbene breite fachliche Expertise, gepaart mit der Kompetenz in Bezug auf interdisziplinäre Kooperationen und die Koordination von Forschungsprojekten boten ideale Voraussetzungen für seine Mitarbeit in den zwischenstaatlichen Science-Policy-Plattformen Weltklimarat IPCC und Weltbiodiversitätsrat IPBES.

Von 2010 bis 2014 war er im fünften Sachstandsbericht des IPCC als Koordinierender Leitautor für das Kapitel "Terrestrische Ökosysteme und Binnengewässer" verantwortlich. 2014 folgte dann der Einstieg in die Arbeit des Weltbiodiversitätsrats IPBES, wo er viele unterschiedliche Rollen einnahm: als Koordinierender Leitautor im Bestäuber-Assessment (2014-2016), als Leitautor im regionalen Asia-Pacific Assessment (2015-2018), als einer von drei Co-Chairs des Globalen Assessments (2016-2019) und seit 2022 als gewähltes Mitglied des Multidisciplinary Expert Panel.

Dass die biologische Vielfalt für die Menschheit überlebenswichtig ist und dass es eine breite Allianz von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilbevölkerung braucht, um sie zu erhalten – kaum einer wusste das besser als Josef Settele. Das war der Ursprung für den Start eines der bekanntesten Citizen Science-Projekte in Deutschland im Jahr 2005, das Tagfalter-Monitoring Deutschland. Gleichzeitig widmete er im Laufe seiner Forscherlaufbahn einen zunehmend großen Teil seiner Arbeits- und Freizeit der Kommunikation über seine Forschung, über die Bedeutung der Biodiversität, dem Status der Ökosysteme, den Treibern des Verlustes an Biodiversität, was getan werden muss, um die Ökosysteme langfristig zu sichern und wie jeder Einzelne nachhaltiger leben kann.

Das zeigt sich in unzähligen Beiträgen in Radio, Print und TV, aber auch in seinen Aktivitäten an der Schnittstelle zu Politik und anderen Stakeholdern. So stellte er sich mit großer Offenheit den Fragen von Abgeordneten verschiedenster Ausschüsse und Parteien auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene oder suchte das Gespräch mit Personengruppen, die kontroverse politische oder wirtschaftliche Ziele verfolgen und Meinungen vertreten.

Wir verlieren mit Josef Settele auch Sepp – der von vielen Menschen wegen seiner offenen, freundlichen und zugewandten Art geschätzt wurde –, der trotz seiner wissenschaftlichen Erfolge nie die Bodenhaftung verlor und immer authentisch geblieben ist. Persönliche Kontakte zu pflegen und Projekte, Ideen und Pläne direkt von Angesicht zu Angesicht zu besprechen – gern bei einer Zigarette oder einem Kaffee – das hat ihn nicht nur als Mensch nahbar gemacht, das war sein Geheimrezept und ein wichtiger Schlüssel seines Erfolges.

Sein Tod hinterlässt eine unersetzliche Lücke. Doch Josef Settele hat Spuren hinterlassen und ein Vermächtnis, sich weiter für das stark zu machen, wofür er sich so unermüdlich eingesetzt hat.

Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei seiner Familie und allen Menschen, die ihm persönlich nahestanden. Ihnen gilt unser tief empfundenes Mitgefühl. Wir wünschen ihnen in dieser schweren Zeit viel Kraft, Trost und Menschen an ihrer Seite, die ihnen Halt geben.

Prof. Katrin Böhning-Gaese I Wissenschaftliche Geschäftsführerin UFZ
Dr. Sabine Matthiä I Administrative Geschäftsführerin UFZ
Prof. Ingolf Kühn I Leiter UFZ-Themenbereich Ökosysteme der Zukunft

Wenn Sie sich in das Kondolenzbuch eintragen möchten, folgen Sie bitte diesem Link: https://www.ufz.de/index.php?de=52992


Weitere Informationen

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 6025-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt und erarbeiten Lösungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, Ökosystemen der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg circa 1.100 Mitarbeitende. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

www.ufz.de

Die Helmholtz-Gemeinschaft identifiziert und bearbeitet große und vor allem drängende Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, langfristige Forschungsziele von Staat und Gesellschaft zu erreichen. Damit sollen die Lebensgrundlagen der Menschen erhalten und sogar verbessert werden. Helmholtz besteht aus 19 naturwissenschaftlich-technologischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren.

www.helmholtz.de
« zurück