Pressemitteilung vom 13. August 2026
In der Rohstoffpolitik rangiert Versorgungssicherheit vor Suffizienz
UFZ-Studie zeigt, dass bestimmte Narrative die Rohstoffpolitik der EU prägen
Im Jahr 2024 trat der Critical Raw Materials Act (CRMA) in Kraft. Die Verordnung soll die Versorgung Europas mit essenziellen metallischen Rohstoffen wie Lithium, Kobalt und seltenen Erden sicherstellen. Die EU setzt damit auf mehr Unabhängigkeit von Drittstaaten wie China, die heimische Rohstoffförderung und den Ausbau von Recycling. Wie dieses Streben nach Versorgungssicherheit Nachhaltigkeitsprinzipien zunehmend in den Hintergrund gedrängt hat, belegen Forschende des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in einer Studie im Fachmagazin Communications Earth & Environment. Die Studie zeigt zugleich Optionen für Wissenschaftler:innen auf, Nachhaltigkeitsprinzipien im politischen Diskurs zu stärken.
Weltweit haben neue Technologien beispielsweise für Erneuerbare Energien seit den 2000er Jahren zu einem Anstieg der Nachfrage nach kritischen Rohstoffen geführt. Die EU hat darauf mit politischen Maßnahmen reagiert, zuletzt mit dem im Jahr 2024 in Kraft getretenen Critical Raw Materials Act (CRMA). Schon seit Längerem warnen insbesondere Forschende an der Schnittstelle von Ökologie, Ökonomie und Politik vor den ökologischen und geopolitischen Risiken der steigenden Rohstoffnachfrage. Die EU-Politik konzentriert sich jedoch weiterhin auf die Sicherung der Versorgung – also darauf, das Angebot an Rohstoffen zu gewährleisten, statt den Verbrauch zu reduzieren. Wie sich diese Politik durchgesetzt hat, hat nun ein UFZ-Forschungsteam anhand politischer Narrative nachgezeichnet. "Aus der sozialwissenschaftlichen Forschung zur Umweltpolitik wissen wir, dass Narrative ein wichtiges Element in Entscheidungsprozessen sind", sagt die Umweltpolitologin Prof. Dr. Sina Leipold, Mitautorin der Studie. "Narrative definieren, was politisch plausibel ist und welche Vorschläge als unrealistisch gelten. Das zeigt uns, welche Vorschläge und Ideen die Zukunft bestimmen werden."
Das UFZ-Forschungsteam unter der Leitung der Doktorandin Theresa Herdlitschka untersuchte mehr als 180 öffentlich zugängliche Strategie- und Positionspapiere, Pressemitteilungen und Faktenblätter, die zwischen den Jahren 2000 und 2024 von zentralen Interessengruppen aus Politik, Industrie, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen (NGO) in der Diskussion um die Zukunft der Rohstoffe veröffentlicht wurden. Die Forscherinnen haben die Dokumente qualitativ ausgewertet und kodiert, alsoTextstellen bestimmten Kategorien wie etwa Problemdefinitionen und Lösungsansätzen zugeordnet, um so Muster und Gemeinsamkeiten zu erkennen. "Indem wir die gesamte Entwicklung der Debatte erfasst haben, konnten wir nachvollziehen, welche Ereignisse und Interpretationen in den verschiedenen Gruppen den größten Einfluss hatten", sagt Theresa Herdlitschka.
Die Studie ergab, dass Anfang der 2000er Jahre zunächst die "Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen" das vorherrschende Narrativ in der Rohstoffpolitik war. Mit der Finanzkrise 2007/2008 und dem Pariser Klimaabkommen 2015 kam dazu das Narrativ der EU als "Vorreiterin im globalen Umweltschutz" und schließlich im Zuge der Corona-Pandemie, des Ukraine-Kriegs und der Energiekrise das Narrativ der "Strategischen Autonomie". Darunter ist die Leitidee zu verstehen, die EU müsse in wichtigen Bereichen wie etwa der Rohstoffversorgung unabhängiger von anderen Staaten werden. Über die Jahre und verschiedenen Krisen hinweg dominierte aber die gleiche Leitidee: Die Versorgung muss gesichert werden. "Alternative Ideen wie die Suffizienz oder die Reduzierung der Nachfrage wurden kontinuierlich an den Rand gedrängt", sagt Theresa Herdlitschka. "Selbst in einem Kontext, in dem eine Nachfragereduzierung ökologisch notwendig ist, bleibt dies politisch undenkbar, da das vorherrschende Narrativ das Problem vor allem als Mangel an Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit darstellt." Diese Interpretation wurde zuerst von Seiten der Industrie vorgelegt und dann auch von politischen Entscheidungsträger:innen etwa in der Europäischen Kommission vertreten.
In der Debatte spielten andere Narrative wie beispielsweise die Kritik am Neo-Extraktivismus nur eine marginale Rolle. Das Narrativ hebt hervor, dass der Abbau und Export natürlicher Ressourcen im globalen Süden die Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung Europas bildet, dabei jedoch bestehende Abhängigkeiten verfestigt und Umweltauswirkungen auslagert. Auch das vor allem von NGO’s und umweltpolitischen Akteur:innen vorgebrachte Narrativ der Ressourcengerechtigkeit, die faire, nachhaltige und global gerechte Verteilung und Nutzung natürlicher Ressourcen, setzte sich nicht durch. Insgesamt fanden nur wenige Nachhaltigkeitsaspekte Eingang in die dominierenden Narrative – etwa in Form der EU-Batterieverordnung oder der EU-Konfliktmineralienverordnung. "Ein Narrativ der einen Seite setzt sich beispielsweise dann durch, wenn es gelingt, Argumente der Gegenseite aufzunehmen und dadurch abzuschwächen. Zudem spielt Agenda-Setting eine wichtige Rolle: Wer das Argument zuerst auf die Agenda hebt, bestimmt maßgeblich, wie sich andere Akteur:innen in der Debatte verhalten können", erklärt Sina Leipold.
Dass aus der Wissenschaft immer wieder Stimmen laut wurden, den Rohstoffverbrauch zu senken und planetare Grenzen zu beachten, spielte letztlich im politischen Aushandlungsprozess des CRMA nur eine untergeordnete Rolle. "Studien zur Senkung des allgemeinen Rohstoffverbrauchs oder Überlegungen zu einem suffizienten Umgang mit kritischen Rohstoffen wurden lediglich von einer kleinen Gruppe eingebracht. Es ist diesen Stimmen nicht gelungen, ihre Positionen in den Verhandlungen durchzusetzen", sagt Theresa Herdlitschka. Um in den Debatten gehört zu werden, müssten Wissenschaftler:innen noch stärker an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik arbeiten, also in den Austausch mit politischen Entscheidungsträger:innen gehen. Denn die Nachfrage nach Rohstoffen wird weiterhin steigen, da das geopolitische Umfeld angespannt bleibt.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen und aus nicht nachhaltigen Mustern auszubrechen, könnten neue Narrative künftig von entscheidender Bedeutung sein. Ein Ansatz wäre, mit dem Konzept der Kreislaufwirtschaft und Debatten über Konflikte im Bergbau in der EU für mehr Sichtbarkeit der Gegennarrative zu sorgen, die sich auf lokale Lieferketten, Suffizienz und gesellschaftliches Engagement stützen. Dies könnte die Rohstoffautonomie neu definieren.
Publikation:
Herdlitschka, T., Luo, A. & Leipold, S. Supply-security narratives have dominated EU raw materials policy, while demand reduction has been sidelined. Commun Earth Environ 7, 435 (2026). https://doi.org/10.1038/s43247-026-03593-x
Weitere Informationen
Theresa Herdlitschka
UFZ-Department Umweltpolitik
theresa.herdlitschka@ufz.de
Prof. Dr. Sina Leipold
Leiterin UFZ-Department Umweltpolitik
sina.leipold@ufz.de
UFZ-Pressestelle
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Telefon: +49 341 6025-1630
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Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt und erarbeiten Lösungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, Ökosystemen der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg circa 1.100 Mitarbeitende. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.
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